Autobus

 

Mostar kann man von Wien aus über zwei Buslinien erreichen. Eine fährt über Zagreb, die andere über Sarajevo. Und wer sich am Balkan auskennt, der weiß bereits wie er aus dieser knappen Information weitere, oftmals wichtige Fakten herauslesen kann.

Die muslimische Linie benötigt zwar 18 Stunden, bis sie in Mostar ankommt, aber da die Busse vorallem in der Nacht fahren, kann man einen großen Teil der Fahrt schlafend verbringen. Die Kroaten fahren dagegen über Zagreb, dort muss man umsteigen und wird um einige - nämlich die entscheidenden - Stunden Schlaf geprellt. Also wähle ich Sarajevo, nicke irgendwann nach der kroatischen Grenze ein und werde Stunden später aus dem Schlaf gerissen.

Der Busfahrer, der mich nach Mostar bringen sollte, hat mich aufgeweckt. Durch puren Zufall habe er hier - auf der Autobahnraststation - einen schnelleren Bus für mich gefunden, sein Kollege Ante - er deutet zu einem Mann, der an der Bar des Autobahncafés sitzt - würde auch nach Mostar fahren. Aber ohne dem Umweg über Sarajevo, daher wäre ich 5 Stunden früher dort als geplant. Ziemlich überrascht springe ich auf, wechsle schlafdrunken in den anderen Bus und mache es mir wieder so bequem wie möglich.

Leider funktioniert die Sache mit dem Schlafen nicht wie geplant. Nachdem ich die Situation halbwegs begriffen habe, plagen mich eine Reihe von unangenehmen Gedanken: Ich grüble, ob der Busfahrer, der mich so bereitwillig aufgenommen hat, wirklich nach Mostar fährt, was ich tun soll, wenn jemand meine Fahrkarte sehen möchte, und was passiert, wenn der Bus einen Unfall hat.

Die letzte Frage ist nicht ganz so unwahrscheinlich wie sie klingt, denn der Bus verläßt schon bald die Autobahn, und fährt mit Höchstgeschwindigkeit durch winzige Nebenstraßen. Der Fahrer überholt an Stellen, an denen ich nicht ein Mal an das Wort „überholen“ denken möchte und plaudert nebenbei seelenruhig mit einem der Fahrgäste. Eine Aussenscheibe meines seltsamen Gefährtes ist zerbrochen, zwischen der Innenscheibe und den Resten des äußeren Glases hat sich Regenwasser angesammelt. Immerhin erfahre ich auf diese Weise, dass Autobusse doppelt verglaste Scheiben besitzen.

Als schließlich die lange Nacht des Wartens einem neuen Morgen weicht, befinden wir uns bereits mitten in der Herzegowina. Der Bus fährt durch kleine Städtchen, die Landschaft wirkt wie die Steiermark mit Minaretten drin. Als wir kurz vor Mostar an einem Verkaufsstand vorbeifahren, bleibt der Fahrer stehen, offensichtlich telefoniert er mit seiner Frau. „Ja, man benötige krumpir i luk“ zu Hause, der Fahrer schleppt demzufolge je einen Sack Erdäpfel und einen Sack Zwiebel in den Bus, dann geht es weiter. Noch 20 Minuten sind es bis zum Ende der Fahrt, um Punkt sieben Uhr Früh kommen wir in Mostar an.

4 Stunden früher als geplant befinde ich mich zwar in Mostar, aber dennoch am falschen, am „anderen“ Busbahnhof.